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Franz Breitwieser: Gelblinge. Die Klassifikation der Österreichischen Korrespondenzpostkarten P 1 - P 24

Michel mehrWissen. 1. Auflage; München, 2018

Schlagworte: Österreich Ganzsachen

Autoren: Franz Breitwieser

Rezension

Wie schon an anderer Stelle gesagt, gibt es durchaus Themen, für deren Behandlung es keiner kompletten Buches bedarf, sondern ein kleines Heftchen durchaus ausreichend ist. Ein solches Thema hat die „weltweit größte Fachredaktion“ (Eigenwerbung) jetzt in eine 80 Seiten-Broschüre gepackt: die Gelblinge bzw. die Postkarten-Ganzsachen Österreichs aus den Jahre 1869-1875 mit gelbem 2 Kreuzer Wertstempel.
Als weltweit erste Ganzsachenpostkarte nimmt die gelbe 2 Kreuzer Korrespondenzkarte Österreich natürlich post- und philateliegeschichtlich eine besondere Rolle ein, die durchaus durch eine eigenständige Monographie gewürdigt werden kann, was man diesen Karten angesichts eher bescheidener Katalogpreise nicht unbedingt zugestehen möchte. Die Katalogpreise sind natürlich eine Folge des Erfolges, den diese Korrespondenzkarten an den Postschaltern hatten: im ersten Monat wurden 1,4 Mio. Karten verkauft, im ersten Jahr ca., 9,5 Mio. Und so wundert es nicht, dass auch andere Postverwaltungen Ganzsachen-Postkarten einführten – mit ähnlichem Erfolg. Der schwäbische Geiz siegt wohl weitestgehend über Datenschutzbedenken – und das weltweit.
Hohe Druckauflagen in relativ kurzer Zeit bei postamtlich zwei bzw. philatelistisch fünf Ausgaben (die 24 Michelnummern ergeben sich daraus, dass die verschiedenen Sprachen der Vordrucke jeweils eine eigene Hauptnummer bekommen, statt als Untertypen zu erscheinen) sind natürlich ein Paradies für Farbtönungs-, Druckzufälligkeiten und Papierartensammler. Und diese gibt es bei diesen Ganzsachen reichlich. Aber: die Klassifizierungen dieses Heftchen beschränken sich auf reine Untertypen des Postkartenvordrucks. Dieser ist zweifach umrahmt, der innere der beiden Rahmen besteht aus Rauten und Punkten, eigentlich abwechselnd, aber mit Unregelmäßigkeiten wie zwei aufeinanderfolgenden Punkte bzw. Rauten (letzteres als „fehlender Punkt“ bezeichnet). Diese Unregelmäßigkeiten machen nun die Untertypen fest, die in diesem Bändchen klassifiziert werden, wobei die Abgrenzung zu Druckzufälligkeiten nicht in jedem Fall leichtfielen, wie Breitwieser in der Einführung schreibt. Und Druckzufälligkeiten wollte er in seine Klassifizierung nicht aufnehmen.
Dies heißt insbesondere, dass Unterschiede nach Farbe des Wertstempels und des Papiers weiterhin nach den inzwischen doch recht alten Kategorisierungen durch Ascher aus 1920e Jahren erfolgt. Dass die Arbeit Aschers und seiner Zuarbeiter nicht schlecht war, zeigt sich nicht nur dadurch, dass es beinah 90 Jahre bis zu einer (teilweisen) Neubearbeitung brauchte. Auch das der Spezialist Breitwieser nach 90 Jahren nur 29 weitere Untertypen über die schon vom Generalisten Ascher gelisteten 75 Untertypen hinaus findet, spricht für Aschers Gründlichkeit.
Eine Einschätzung des Autors wird hoffentlich nicht der Wahrheit entsprechen. Er schreibt: „Dieser Artikel bringt den interessanten Teil der österreichischen Philatelie auf den neuesten Stand.“  Wenn diese fliegenbeinzählende Typisierung der ersten Postkartenausgaben Österreichs wirklich der interessante Teil der österreichischen Philatelie ist, sind alle Österreich-Philatelisten recht herzlich eingeladen, sich z.B. mit der italienischen Philatelie zu beschäftigen. Die Beschäftigung mit den ersten Ganzsachen Österreichs – und hier natürlich insbesondere die italienischen Sprachversionen und deren Verwendungen in heute italienischen Gebieten, aber auch die Marken und Stempel Lombardei-Venetiens bilden sicherlich eine gute Brücke.
Zusammenfassend: dieses Heftchen ist sicherlich für „italienischen“ Ganzsachensammler kein Fehlkauf, aber in der praktischen Arbeit wird man sich vermutlich mit dem Michel Europa Ganzsachenkatalog bis 1960 oder dem italienische InterItalia begnügen können. Eine Monografie über die „Gelblinge“ die praktischen Nährwert hat, sollte m.E. auch Verwendungen und Destinationen berücksichtigen.

Autor: Stephan Jürgens

gedruckt in: Italien Rundschau 87/2019